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MTM VW Scirocco R: Starkes (R)lebnis

Wir haben uns die 272 PS starke Rakete von MTM vorgenommen und den über 250 km/h schnellen Vierrohr-Gesellen über Autobahn und Landstraße gescheucht.

17.06.09 20:21
Kategorie: Fahrberichte, VW

 

Seit 2008 hat VW mit dem neuen Scirocco endlich wieder ein sportliches Coupé im Portfolio. Sicher, der Golf R32 bietet bei gleicher Größe satte 250 PS und Allradantrieb, doch er bleibt eben doch ein Golf. Der 4,26 Meter lange und nur 1,40 Meter hohe Scirocco indes will schon im Stand Dynamik und Aggressivität verkörpern. Doch was die Optik recht großkotzig verspricht, hält selbst der 200 PS starke Spitzen-Scirocco in Form des 2.0 TSI nur bedingt. "Ein Sportcoupé das dem Fahrer das Herz aufgehen lassen soll, muss Platz für Emotionen haben. Eine schicke Hülle mit grimmigem Blick, Maschengittern, großen Felgen und Schießschartenfensterlinie reicht hier nicht." So schrieb es EVOCARS-Redakteur Fabian Mechtel in seinen Bericht. Was bleibt ist der Gang zum Tuner. Alle Großen der Branche haben inzwischen Pakete für den kleinen Wolfsburger gschnürt. Ob Abt, mcchip, Oettinger oder MTM - nach dem Besuch beim Tuner soll der Scirocco sein wahres Gesicht zeigen.

 

Optisch hebt sich unser Proband lediglich durch die auffällige Lackierung sowie den rot umrandeten Grill, die 20-Zöller und die vierflutige Angasanlage von der Serie ab. Keine Kotflügelverbreiterungen oder übertriebene Seitenschweller verunstalten die dezent gelungenen Formen des Scirocco. Wenn schon Karosserieveränderungen, dann bitte gleich wie beim GT24. Dem "Power first"-Vorsatz bleibt MTM auch im Innenraum treu. Nur eine kleine MTM-Plakette am Handschuhfach verrät die EDV-Modifikationen unter der Haube. Doch obwohl es MTM bei kleinen Retuschen belassen hat, verdrehen sich bei meiner Testfahrt jede Menge Köpfe nach dem weißen Unterlegkeil. Die Optik des Scirocco R ist einfach stimmig, hier ist kein Teil zu viel.

 

Wie es sich für's VW-Seriengestühl gehört, fühle ich mich wie in Abrahams Schoß. Es kann losgehen. Der mittels einer Softwareoptimierung des Steuergeräts auf 272 PS erstarkte Zweiliter-Benziner unter der Haube erwacht und die MTM-Abgasanlage beginnt ihr sonores Röcheln. Als ich vom Hof fahre bekomme ich den gut gemeinten rat mit auf den Weg, dass MTM-Chef Mayer seine Babys alle am Sound erkennt und noch in 15 Kilometern hört, wenn einer zu schnell über die Landstraßen donnert. Gut zu wissen.

 

Ich nutze die Sperrzone um mich mit dem Wagen anzufreunden. Schon bei 3300 U/min liegt das maximale Drehmoment von 350 Newtonmetern an (Serie: 280 Nm). Und das merkt man. Ähnlich einem modernen Turbodiesel schiebt der Scirocco R nach vorne, ohne jedoch mit einem zu großen Turboloch kämpfen zu müssen. Dem Sechsgang-DSG passt der Leistungszuwachs vortrefflich in den Kram, muss es doch schon beim Audi TTS mit dieser Power klarkommen. Entspanntes Cruisen im sechsten Gang des Automatik-Modus? Fabelhaft.

 

Nach einer halben Stunde können mich selbst die Mayerschen Luchsohren nicht mehr hören und ich fliege über einsame Landstraßen. Doch Vorsicht: In engen Kurven, wo die Sonne die Straße noch nicht getrocknet hat, suchen die Vorderräder vergeblich nach ausreichend Halt. Zack und man ist im Gegenverkehr. Gut, dass hier kein Schwein unterwegs ist. Wer sich an die 350 Newtonmeter gewöhnt hat, ein Auge für nasse Stellen bekommt und den Scirocco R als echten Fronttriebler-Sportwagen akzeptiert, der dürfte allerdings keine Probleme haben. Gänzlich ohne Eingewöhung lässt sich das Sportfahwerk genießen. Sicher, für schlechte Fahrbahnverhältnisse ist es nicht gedacht, doch es bietet genau die richtige Mischung aus harter Sportlichkeit und Alltagsumgänglichkeit. Gleiches gilt für den satten Sound der Vierrohr-Abgasanlage. Nie penetrant oder prollig lässt sie troztdem etwas mehr als einen Vierzylinder unter der Haube vermuten.

 

Bei trockener und freier Fahrbahn lässt sich das kleine weiße Biest übrigens in glatten 6,0 Sekunden auf Tempo 100 bringen (Serie: 7,2 sek.). Auf abgesperrter Strecke oder mit einer Rasthofausfahrt als Ausgangspunkt rennt mein Testwagen in knapp 23 Sekunden bis auf Tempo 200. Die 235 km/h im Serien-Scirocco sind angesichts der 72 Zusatz-PS natürlich Makulatur. Wie schnell der "R" aber tatsächlich ist, kann ich mangels freier Bahn nicht austesten. Lat Tachoanzeige schaffe ich aber über 250. Doch so richtig Spaß macht dieses Tempo nicht. Hier ist muss das Fahrwerk engesichts der vielen Fahrbahnrillen die Segel streichen und die Rahmenlosen Seitenfenster können den Orkan auch nicht wirkungsvoll draußen lassen. Topspeed sollen mal lieber andere machen. Wie wär's mit einem 730 PS starken RS6 R?

 

Fazit: Der neue Scirocco hat Potenzial. Was die Serie sich nicht traut, kitzelt MTM aus dem Wolfsburger heraus. Für 5465 Euro gibt's die Leistungskur inklusive neuer Abgasanlage ab Turbolader (inkl. Metallkat). Zusammen mit der Montage (417 Euro), einer kräftigeren Bremse (3530 Euro, Brembo 330mm) sowie dem MTM-Fahrwerk (637 Euro inkl. Einbau, 35mm tiefer) ergibt sich ein Gesamtpaket inklusive Auto (27.400 Euro) von 37.449 Euro, das sich auch vor dem neuen Ford Focus RS (305 PS, 33.900 Euro) oder dem BMW 130i (265 PS, 33.500 Euro) nicht verstecken muss. Hinzu kommt, dass der Scircco R eben KEIN aufgemotzer Kompaktwagen sondern ein echtes Sport-Coupé ist. Da hat selbst der BMW 135i Coupé das Nachsehen. Alternativ kann natürlich mit dem ebenfalls 272 Ps starken Audi TTS geliebäugelt werden, aber der kostet mindestens 44.900 Euro.

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